Bad Wilsnack – Wallfahrtsort, Heidentum und Therme
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Bad Wilsnack – Wallfahrtsort, Heidentum und Therme

   
Bad Wilsnack, Therme

Im Jahr 1384 wurde Wilsnack, dessen frühe Geschichte durch seine Lage im heidnisch-chr*stlichen Grenzgebiet der Liutizenzeit (hier verlief die Grenze zum bereits chr**tianisierten Sachsen) bestimmt wurde, zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Anlaß war die Zerstörung der Kirche, als der Ritter Heinrich von Bülow am 15. August 1383 Ort und Kirche niederbrennen ließ. In der Ruine sollen auf dem Altar drei Hostien mit roten Flecken gefunden worden sein, die man für Blut hielt – Blutwunderhostien. Am 20. Februar 1384 stellte Papst Urban VI. Wilsnack einen Ablaßbrief zum Wiederaufbau der Wallfahrtskirche aus. Wilsnack wurde dadurch ein Wallfahrtsort für die Region und für Gläubige aus vielen Ländern, von den britischen Inseln ebenso wie aus dem Baltikum, aus Ungarn oder Skandinavien. Wilsnack galt als Santiago Nordeuropas und somit als einer der wichtigsten Wallfahrtsorte in Europa.

   
Auf dieser Karte sieht man gut, daß Wilsnack in der Nähe des Zentralheiligtum der Liutizen (Rhetra) gelegen ist. Das läßt auf eine starke religiöse Nutzung Wilsnacks zur heidnischen Epoche schließen. Rhetra war nur eine Tagesreise entfernt von Wilsnack. 

   
1057 kam es durch katholische Intrigen zu einem Bruderkrieg zwischen den heidnischen Stämmen der Kessiner und Zirzipanen auf der einen Seite der Peene – sowie den Redariern und Tollensern auf deren anderer Seite. Aus diesem Krieg gingen die Zirzipanen als Sieger hervor. Die Tollenser und Redarier riefen daraufhin Gottschalk, den Fürsten der Obodriten und eifrigen Verfechter einer Chr*stianisierung der Heiden, Herzog Bernhard von Sachsen und den König von Dänemark zu Hilfe.

Schließlich boten die Zirzipanen 15.000 Pfund Silber und erkauften sich dadurch den Frieden. Die Unseren kehrten ruhmreich heim; vom Chr*stentum war nicht die Rede, die Sieger waren nur auf Beute bedacht“, schrieb damals der Domherr Adam von Bremen über das Ende dieses Krieges.

Im Befreiungskrieg von 1066 nahmen die Lutizen den Bischof Johannes I. nach erfolgreichem Sturm auf die Mecklenburg gefangen und opferten ihn in der Tempelburg Rethra am 10. November 1066 ihrem G*tt Radegast. Auf Rache sinnend, drang daraufhin Bischof Burchard II. von Halberstadt an der Spitze eines von Heinrich IV. zusammengestellten Heeres bis nach Rethra vor und zerstörte dort das Hauptheiligtum der Heiden. Weitere Feldzüge sächsischer Herzöge in das Lutizengebiet fanden etwa 1100, 1114, 1121 und 1123 statt. Auch Dänen und die nunmehr unter polnischer Hoheit stehenden Pomoranen führten Glaubenskriege gegen die Lutizen durch. Die Pomoranen stießen 1128 weit ins Stammesgebiet der Zirzipanen vor und verleibten ihrem Herzogtum so den südlichen Teil des späteren Vorpommern ein.

Trotz einiger militärischer Niederlagen behielten die Liutizen weiter ihre Unabhängigkeit, bis 1147 die katholische Kirche zum sogenannten Wendenkreuzzug gegen die Heiden aufrief. Sächsische, dänische und polnische Fürsten, die Kreuzzug gegen die Lutizen führten und sich die Ländereien der Heiden untereinander aufteilten. Im Ergebnis wurden die liutizischen Lande zwischen den Herzogtümern Pommern (Südvorpommern) und Mecklenburg (Ostteil) sowie der Mark Brandenburg (Nordteil) aufgeteilt und damit dem Heiligen Römischen Reich einverleibt. Die bereits durch viele Kriegsjahre dezimierte heidnische Bevölkerung wurde zwangschr*stianisiert und im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte schließlich assimiliert.


Mit den Geldern der Wallfahrer bauten die Bischöfe von Havelberg die Kirche ab 1384 als Wunderblutkirche St. Nikolai wieder auf; später dienten sie dem Bistum als Einkunftsquelle. Wilsnack war vor allem bei böhmischen Pilgern als Wallfahrtsziel beliebt, weshalb sich Jan Hus 1403 vehement gegen die Verehrung des Wunderblutes aussprach. Als die Magdeburger Synode 1443 die Wallfahrten beenden wollte, setzte sich der Havelberger Bischof gemeinsam mit Kurfürst Friedrich II. von Brandenburg und mit Unterstützung des Papstes gegen das angestrebte Verbot durch. Die Wallfahrten endeten mit der Verbrennung der vermeintlichen Bluthostien durch den ersten evangelischen Geistlichen im Jahre 1552, wofür er zunächst inhaftiert und später des Landes verwiesen wurde. Der Wunderblutschrein aus der Mitte des 15. Jahrhunderts ist jedoch noch vorhanden. Infolge der Hostienzerstörung ebbten die Pilgerströme im Laufe des 16. Jahrhunderts allmählich ab und bewirkten einen wirtschaftlichen Niedergang der Stadt.

Die Herrschaft Wilsnack kam 1560 an die Familie von Saldern, die kurz zuvor bereits den Sitz der Bischöfe, die Plattenburg, als Pfandbesitz erhalten hatte. Im Prälatenhaus zu Wilsnack nahmen sie ihren Sitz. Das Herrenhaus wurde 1780 zu einem Schloss erweitert. Ende des 19. Jahrhunderts war Hugo von Saldern (1821–1896) Besitzer von Gut Wilsnack, sein Nachfolger wurde ein jüngerer Vetter, Achim von Saldern. Er war der letzte Eigentümer des Gutes, welches als unteilbares Fideikommiss geführt wurde. Zum Rittergut Wilsnack gehörte zeitgleich das Rittergut Oevelgründe. Beide zusammen umfassten 1420 ha Land. 1945 wurde die Familie enteignet. Das Herrenhaus brannte 1976 ab.

Im Dreißigjährigen Krieg wurde Wilsnack von kaiserlichen, sächsischen, dänischen und schwedischen Truppen geplündert. Stadtbrände verursachten mehrfach Schäden, etwa in den Jahren 1690, 1703, 1826 und 1828. Am 2. September 1826 verloren 85 Familien ihre Unterkunft, als ein Feuer 24 Wohnhäuser zerstörte.

Schwere Schäden entstanden auch durch Überschwemmungen, so 1709 durch einen Bruch des Elbdeichs. Am 6./7. März 1830 wurden die heutigen Ortsteile Groß Lüben und Klein Lüben nach mehreren Dammbrüchen völlig überschwemmt. Die Dammbrüche entstanden durch Eisgang und Eisstau auf der Elbe; die Schäden waren beträchtlich.

1846 wurde die Eisenbahnlinie Hamburg–Berlin (Strecke nördlich der Elbe) fertiggestellt, die auch einen Haltepunkt in Wilsnack besaß. Von nun an war die beschauliche Stadt für erholungssuchende Großstädter gut erreichbar, und es begann ein bescheidener wirtschaftlicher Aufschwung. 1899 sandte der Stadtförster Gustav Zimmermann (1841–1914) Moorproben in einer Heringsdose nach Berlin, um diese auf ihre Heilwirkung untersuchen zu lassen. Dabei wurde ein recht hoher Gehalt an Eisenoxiden (über 28 Prozent) und Huminsäuren festgestellt. Wilsnack entwickelte sich daraufhin zum Kurort. Am 1. Mai 1907 konnte die Moorbadeanstalt als städtische Kureinrichtung eingeweiht werden, in der vor allem rheumatische Leiden sowie Unterleibserkrankungen, chronische Gallenblasen-, Blinddarm-, Venen- und Krampfaderentzündungen behandelt wurden. 1928 wurde eine Moorbahn in Betrieb genommen. Im September 1929 erhielt die Stadt nach der Eröffnung eines Genesungsheims für Sozialversicherte („Goethehaus“, jetzt Seniorenresidenz „Haus Goethe“) vom preußischen Staatsministerium offiziell den Titel „Bad“. Dies hatte einen kontinuierlichen Anstieg der Gästezahlen zur Folge, was zum weiteren Aufschwung des Ortes beitrug. 1940 kam der Badebetrieb infolge des Zweiten Weltkriegs jedoch zum Erliegen.

Das hartnäckige Bemühen der Wilsnacker Bürger um Wiedereröffnung des Kurbades nach Kriegsende führte 1946 zur Wiedererteilung der entsprechenden Genehmigung durch die Sowjetische Militäradministration. In der Folgezeit entwickelte sich Bad Wilsnack mit rund 3000 Besuchern pro Jahr zu einem der größten Moorbäder der DDR. Der Zustand der Kureinrichtungen war jedoch zuletzt so schlecht, dass nach der Wende die Verwaltung des Landes Brandenburg an eine Abwicklung des Bades dachte. Diese wurde durch das private Engagement eines Arztehepaars verhindert, welches im Dezember 1990 die Kurklinik Bad Wilsnack GmbH gründete. 1993 konnte bereits die neue Elbtalklinik eingeweiht werden. 1997 wurde schließlich das tief unter der Stadt befindliche Solevorkommen angebohrt, um dieses ebenfalls für den Kurbetrieb zu nutzen. Seit 2003 ist Bad Wilsnack als Thermalsole- und Moorbad staatlich anerkannt.

Zur Erinnerung an Stadtförster Zimmermann, dem die Entdeckung der Moorvorkommen zu verdanken ist, enthüllte die Stadtverwaltung im Jahr 2006 einen Gedenkstein vor der Kurhalle.

Zur Zeit der Wende 1989/1990 versammelten sich ab Oktober 1989 jeweils montags etwa tausend Menschen in der Wunderblutkirche zum Friedensgebet. Der folgende Kerzenumzug folgte dem Vorbild der Montagsdemonstrationen in größeren Städten der DDR. Der erste Nachwendebürgermeister Bad Wilsnacks, Dietrich Gappa, wurde im Mai 1990 in der ehemaligen Wallfahrtskirche gewählt. Im selben Jahr wurde wieder Religionsunterricht in der Schule erteilt.

   
Wilsnack war im Mittelalter einer der fünf bekanntesten katholischen Wallfahrtsorte und ist Zielpunkt des Pilgerwegs von Berlin nach Wilsnack. Die Wunderblutkirche St. Nikolai ist auch auf dem Stadtwappen dargestellt. Doch wurde Wilsnack bereits in der vorchr*stlichen Epoche religiös genutzt.
Entweder man findet einen Weg oder man schafft einen Weg!
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